Wudang Shan: Vom daoistischen zum touristischen Zentrum

 

Das Wudang Disneyland ist noch nicht fertig. Und trotzdem ist Wudang offenbar kein daoistisches Zentrum mehr, sondern ein touristisches. Zumindest lässt die Arbeit „The Lost Voices: The Impact of the Development and Preservation Policies upon the Local People of Wudang Shan“ diesen Schluss zu.

 

Tempelanlage auf dem Tianzhu

Tempelanlage auf dem Tianzhu
[Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wudangshan_2003_10.jpg]

Van Gaasbeek hat in einer Arbeit für das Reed College (Portland, Oregon) einige Einwohner in und um Wudang Shan zur aktuellen Entwicklung in ihrer Heimat befragt. Das Ergebnis ist – in meinen Augen – erschreckend. Denn der Maßnahmen Katalog der KP liest sich wie aus den Zeiten der Kulturrevolution. Neben der obligatorischen Erschließung durch eine verbesserte Infrastruktur stehen Umsiedlung und Zivilisierung der Bevölkerung auf dem Programm. Das ganze soll Wudang Shan zu einem repräsentablen Weltkulturerbe machen. Ich melde Zweifel an.

 

Verbesserte Infrastruktur

Infrastruktur per se ist ja nicht verkehrt. Irgendwie muss man ja hinkommen und wenn der Bauer vom Dorf nebenan nicht mehr einen halben Tag braucht, um seine Waren auf dem Markt anzubieten, ist das gut. Aber eine zweispurige Straße quer durch die Berge zu den begehrtesten Sehenswürdigkeiten schneiden? Und für die fetten und faulen Touristen eine Seilbahn zur Goldenen Halle errichten? Wie sieht das denn aus? Mehr als Fragen stellen muss man hier nicht, die Antworten liegen auf der Hand. Oder besser: Im Auge. Denn so eine von Straßen und Seilbahnen zerschnittene Landschaft ist alles andere als ein Ort der Abgeschiedenheit.

 

Umsiedlung wie anno dazumal

Auf der einen Seite zerstört die chinesische Regierung die Landschaft durch Straßen und eine Seilbahn, auf der andere Seite möchte sie den Touristen ein authentisches und „sauberes“ Bild von Wudang Shan bieten. Zugegeben: Sehr authentisch ist es nicht, wenn ein Jahrhunderte alter Tempel als Viehstall benutzt wird. Was für ein Preis ist das aber, der da gezahlt wird, wenn ganze Dörfer aus den Bergen umgesiedelt werden. Oder besser: Abgerissen werden. Für die Bauern, die dort ihr Leben mehr schlecht als Recht bestritten, gibt es schon eine Entschädigung von der Regierung. Wie so oft in China versickert das Geld aber auf dem Weg zu den Bauern durch Korruption und Unterschlagung bei den lokalen Beamten. So steigt zwar das statistische Einkommen der Region, dass aber ganze Familien und sogar Dörfer in Arbeits- und Obdachlosigkeit getrieben werden, geben auch die schönsten Statistiken nicht her.

 

Zivilisierung der Bevölkerung

In bester KP-Manier wird auch eine Umerziehung der lokalen Bevölkerung anvisiert. Da gibt es eine Broschüre über „die zuverlässigen Leute von Wudang“ in denen ihnen beigebracht wird, wie sie sich „zivilisiert“ zu benehmen haben. Was soll das bitte heißen? Keinen Müll auf die Straße werfen? Das unterschreibe ich noch. Nicht in der Nasepopeln wenn Touristen in der Nähe sind? Wenn man sein Viertel verlässt, die Sonntagskleidung anziehen, es könnten einem ja Ausländer begegnen? Nicht auszudenken, was für ein Aufschrei es gäbe, wenn Frau Merkel so ein Heftchen für – sagen wir Chorweiler – herausbringt.

 

Vom Daoismus zum Tourismus

Die Auswirkung auf die Landschaft und die einheimische Bevölkerung sind eines. Ein anderes ist der Effekt der Erschließung auf das kulturelle Erbe, für das Wudang Shan doch eigentlich berühmt sein sollte. Denn seit seiner Öffnung für den Tourismus ist die Zahl der daoistischen Pilger stetig gesunken während die Zahl der Touristen jährlich um 25% zu nimmt. Wundert einen das? Nicht wirklich. Denn wenn man ständig für Fotos posieren muss, dann kann man nicht beten.  Und wenn man eine lange Reise hinter sich hat, dann kann man sich den Eintritt für den Tempel nicht leisten. Eintritt? Ja, tatsächlich kostet der Besuch von Wudang Shan Geld. Ich stelle mir das sehr grotesk vor: Ein Mönch mit zahllosen Touristen in der Schlange vor dem Kassenhäuschen.

 

Tschüss, UNESCO Weltkulturerbe

Die ganzen Touristen wollen natürlich auch irgendwo untergebracht werden. Und so werden fleißig Hotels gebaut, unter anderem auch in Laoying. Laoying ist das „alte Basislager“ von dem aus einst die 300.000 Arbeiter Zhudis die Tempelkomplexe in den Bergen errichteten und gehört selbst zum Weltkulturerbe. Die UNESCO Charta zum Weltkulturerbe verbietet übrigens den Bau von weiteren Gebäuden an, um und bei bestehenden historischen Anlagen. Zusammen mit den schwindenden Pilgern und den Vetriebenen von Wudang Shan sollte man den Status Weltkulturerbe nochmal überdenken. Welt mag jetzt zwar da sein, aber Kultur und Erbe sind es nicht mehr…

 

 

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