Was ist innere Kampfkunst?

Zu den inneren Kampfkünsten werden traditionell Taiji Quan, Bagua Zhang und Xingyi Quan gezählt, die „drei inneren Schwestern“. Aber warum „innere“? Was sind überhaupt „innere Kampfkünste“ und was sind dann „äußere“? Und warum eigentlich „innen“ und „außen“?

Historische Ursprung der Einteilung in innere und äußere Kampfkünste

Historisch beginnt die Unterscheidung der Kampfkünste in innere und äußere Stile mit dem berühmten „Epitaph für Wang Zhengnan“. Der Epitaph ist eine Grabinschrift, verfasst von Huang Zongxi aus dem Jahr 1669. In ihr huldigt der Verfasser den Fähigkeiten und Taten des verstorbenen Wang Zhengnan in biografischer Form. Auf dieser Stehle wird zum ersten Mal schriftlich zwischen äußeren und inneren Kampfkünsten unterschieden.

Die Unterscheidung in innere und äußere Schulen ist im Epitaph aber eine politische Aussage, keine über verschiedene Kampfstile. Huang Zongxi, ein Philosoph der Ming Dynastie, kämpfte lange erbittert gegen die fremden Mandschuren, die mit dem Buddhismus auch eine eigene Tradition der Kampfkunst, das Shaolin Kungfu, mitbrachten. Für ihn und seine Mitstreiter stand alles Fremde aus dem Norden im Gegensatz zum chinesischen Süden.

Aus dieser Haltung gegen die Mandschuren entstand das erste Mal eine Einteilung in innere und äußere Kampfkunst. Sie ist die Antithese zum Fremden, nämlich die Rückbesinnung auf das „wahrhaft Chinesische“. Diese Zuwendung zu originären Traditionen erklärt so manches Unterscheidungsmerkmal zwischen den Schulen, wie die Fokussierung auf daoistische Lehren in den inneren Stilen oder den Buddhismus in den äußeren Stilen. Der historische Ursprung klingt auch in dem Gegensatz zwischen der „nan quan“, der „südlichen Faust” der Wudang Stile, und dem „bei tui“, dem „nördlichen Bein“ des Shaolin Kungfu, an.

Entwicklung zum normativen System

Die Wurzeln der Unterscheidung in innere und äußere Kampfstile mag historische Gründe haben. Für die moderne Kampfkunst sind diese Gründe Kampfstile einzuteilen jedoch mehr oder weniger unbedeutend. Bedeutender für das moderne Wushu ist, wie sich die Einteilung der Stile in äußere und innere über die Jahrhunderte entwickelt und verfestigt hat und damit einen normativen Einfluss ausgeübt hat.

Einen ganz erheblichen Anteil an dieser Entwicklung hatten die Wǔxiá Romane. Diese chinesische Literaturgattung ist vergleichbar mit europäischen Rittererzählungen oder japanischen Ninja-Geschichten. Mit ihrer langen Tradition und Verwurzelung im Volk haben diese Geschichten das Bild von der „inneren“ Wudang Kampfkunst und dem „äußeren” Shaolin Kungfu verbreitet und aufrechterhalten.

Spätestens im Jahr 1928 bekam die Unterscheidung von inneren und äußeren Kampfkünsten dann aber auch einen offiziellen Charakter. Ein von den Kuomintang organisierter Wettbewerb sollte die besten Kampfkunst Vertreter des Landes aus 600 Teilnehmern ermitteln. Das Turnier erlangte traurige Berühmtheit, denn nach nur wenigen Tagen musste es abgebrochen werden: Zwei Teilnehmer wurden im Wettstreit getötet und zahlreiche ernsthaft verletzt. Statt die besten Kampfkünstler zu ermitteln, drohte das Turnier dem Land die besten zu nehmen. Kurzerhand entschied statt des Zweikampfes eine Jury über die Gewinner. Doch nicht nur dafür wurde der Wettbewerb bekannt, sondern auch, weil er erstmals offiziell Kampfkünste in Wudang und Shaolin Stile unterschied und ihnen entsprechend innere und äußere Techniken zusprach.

Unterscheidung von inneren und äußeren Kampfkünsten

Was aber macht innere und äußere Techniken aus? Dem Wortsinn nach muss man gar nicht lange suchen, um eine augenfällige Liste von typischen Merkmalen zu finden. Auf diese Weise ist eine Unterscheidung in innere und äußere Kampfkünste eine Vereinfachung zur Charakterisierung von Kampfstilen und hat damit durchaus ihre Berechtigung.

Aber genug der Vorrede, was also sind nun die Kriterien, an denen zu unterscheiden ist, ob eine Kampfkunst eine innere oder eine äußere ist? Eine Tabelle gibt erste Anhaltspunkte:

innere Kampfkünsteäußere Kampfkünste
weichhart
defensivaggressiv
KörperstrukturMuskelkraft
natürliche Bewegungeneinstudierte Bewegungen
Kraft des Gegners nutzeneigene Kraft nutzen
erst Kultivierung des Geistes, dann des Körperserst Kultivierung des Körpers, dann des Geistes
langsame Transformation des Körpersschnelle Transformation des Körpers

Fazit mit Yin und Yang

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist eine grobe Kategorisierung nach einer Hand voll Urteile aber immer auch eine unzulässige Verkürzung. Darum sollte die Einteilung in äußere und innere Kampfkünste nicht dogmatisch werden. Eine Analogie, die sich dabei unweigerlich immer wieder aufdrängt: Yin und Yang.

Wie Yin und Yang sich nicht nur gegenseitig bedingen, sondern sich gegenseitig erschaffen und damit ihr Gegenüber immer in sich einschließen, so enthalten auch innere Kampfkünste äußere Elemente und äußere Kampfkünste enthalten innere Elemente. In beiden gibt es je einen Zustand von reinem Yin oder reinem Yang, aber eben auch die ab- und zunehmende Varianten bis hin zu einem Umschlagpunkt. Die Einteilung in innere und äußere Kampfkunst sollten wir also nicht als Einteilung in grundverschiedene Kampfkünste verstehen. Innere und äußere Elemente einer Kampfkunst sind Aspekte, die unterschidlich gewichtet werden können und doch im ständigen Fluss sind. Innere und äußere Kampfkünste sollten zusammen eins sein und nicht in Vielheit divergieren. Denn, wie wir alle wissen, ist das Universum ein Kreis und am Ende kommen wir immer wieder da an, wo wir begonnen haben. ;)