Hand Song Gong

Vor einiger Zeit habe ich in einem Blog (argh, ich habe vergessen in welchem) eine Übung zu Song gefunden. Nein, Song hat nichts mit singen zu tun, sondern beschreibt den Zustand, den der Körper beim Üben von Taiji Quan haben sollte: Entspannt, durchlässig und doch nicht schlaff. Was genau Song ist und wie man es üben kannt, könnt ihr hier nachlesen.

 

Was ist Song?

Wie beim Qi ist auch der Begriff “Song” für uns nicht vertraut, hat keine Entsprechung in unserer Sprache und ist jenseits der Alltagserfahrung von 99% der Menschen. Trotzdem ist Song eine essentielle Eigenschaft für das Taiji Quan. Im Grund bedeutet Song zu sein, durchlässig und geweitet zu sein. Es geht darum, von außen kommende Kraft aufzunehmen und durch den Körper in den Boden zu leiten. Dazu muss man einerseits eintspannt sein, darf andererseits aber auch nicht wabbelig herumhängen.

Ein Bild verdeutlichtet vielleicht am Besten, was Song ist. Es ist die Geschichte eines Meisters, der seinem Schüler Song erklärt. Der Meister deutet auf die Kiefern im Garten vor dem Tempel, die schwer den winterlichen Schnee auf ihren Ästen tragen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht und den festgefrorenen Schnee auf den Ästen der Kiefern antaut, kann man die Kiefern das Lied von Song singen hören. Wenn der Schnee von ihren Ästen rutscht, dann singen sie: Soooonnnnng…
Wie übt man Song?

Es gibt eine ganze Reihe von Übungen zu Song. Viele werden sie schon kennen aber nicht unbedingt als solche verstanden haben. Am bekanntesten dürften die diversen Arm- und Körperschwünge sein. Eine schöne Auswahl von diesen Schwungübungen gibt es beim Tai-Chi-Wizard in einem Youtube Video:

Die Übung, die ich heute vorstellen möchte, hat nichts mit Schwingen zu tun. Sie ist ein bisschen meditativ (nein, sehr) und kann daher jeder Zeit überall gemacht werden. Man braucht keinen Platz und fällt dabei auch nicht auf. Alles was benötigt wird ist die eigene Hand und fünf Minuten Zeit. Zum Beispiel in der Bahn auf der Arbeit, in der Schlange der Kantine, bei der Werbung im Kino oder oder oder.

 

Hand Song Gong

Es beginnt alles mit der Hand, oder besser einem Finger. Legt eure Hand auf euer Knie, auf den Tisch vor euch oder in die andere Hand. Ganz egal, Hauptsache sie ruht. Atmet ein paar mal tief in den Bauch und entspannt die Hand. Konzentriert euch jetzt auf einen Finger, zum Beispiel den Zeigefinger. Stellt euch vor, wie der Finger vom warmen Blut durchströmt wird und sich mit jedem Herzschlag mehr und mehr entspannt.

Wenn der Finger wunderbar warm und entspannt ist, dehnt ihr ihn in eurer Vorstellung aus. Ja genau, ihr stellt euch vor, der Finger würde länger und dabei immer leichter und größer. Es soll nicht das Gefühl aufkommen, am Finger würde gezogen. Das könnte die Entspannung wieder ruinieren. Nein, der Finger dehnt sich ganz von selbst aus und die Gelenke öffnen sich. Wenn sich dieses Gefühl im Finger eingestellt hat, könnt ihr versuchen, es auf die Hand, den Arm und mit viel Übung und Ruhe auch auf den ganzen Körper auszuweiten.

 

Was soll das bringen?

Zugegeben, dieses ganze meditative Zeug rund um Taiji Quan ist manchmal schwer zu greifen. Zumindest mir geht es so. Aber jedes mal, wenn ich mich drauf einlasse stelle ich fest, dass es durchaus seinen Sinn hat. So ist es mit dem ominösen Qi und eben auch mit dem Song. Gelingt es mir, das Ausgeweitete und Durchlässige mit in die Form zu nehmen, dann läuft sie sich komplett anders, besser. Und selbst wenn nicht: Gegen eine Kurzmeditation im Bus oder in der Schlange im Supermarkt ist doch nichts einzuwenden!