Epitaph für Wang Zhengnan

Der Epitaph für Wang Zhengnan wurde 1669 von Huang Zongxi verfasst. Der Text, auf einer steinernen Stele eingraviert, rühmt den verstorbenen Wang Zhengnan für seinen Edelmut und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Kampfkunst. Seine historische Bedeutung erlangt der Epitaph für Wang Zhengnan dadurch, dass er zum einen das erste schriftliche Zeugnis einer Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Kampfkünsten ist. Zum anderen berichtet der Epitaph über den Begründer des Taiji Quan, Zhang Sanfeng, und wie das Taiji Quan tradiert wurde.

Epitaph für Wang Zhengnan

Epitaph für Wang Zhengnan

Die Techniken des Shaolin Boxens sind überall bekannt. Sie betonen den Angriff, aber geben dem Gegner damit einen Vorteil. Deshalb gibt es auch die sogenannte innere Schule, die Bewegung mit Stille überwindet. Eine bloße Geste der Hand streckt den Angreifer nieder. Das Shaolin Boxen gehört zu der äußeren Schule.

Diese Kampfkunst begann in der Song Dynastie mit Zhang Sanfeng, einem Einsiedler in den Wudang Bergen. Kaiser Huizong rief ihn zu sich, aber der Weg zu ihm war versperrt und er kam nicht zu ihm. In dieser Nacht gab ihm der erste Kaiser der Song die Methode des Boxens, und am nächsten Tag tötete er mit einer Hand mehr als hundert Banditen.

Einhundert Jahre später war Zhangs Kunst bis nach Shaanxi bekannt und Wang Zong wurde einer der führenden Vertreter. Chen Zhoutong aus der Provinz Wen lernte es von Wang Zong und lehrte es dann seinen Leuten. So verbreitete sich die Lehre auch in der Provinz Wen. Während der Herrschaft von Kaiser Jiajing war Zhang Songxi der Beste. Er lehrte die Kampfkunst nur drei oder vier Leuten, von denen Ye Jimei aus Siming, genannt Jinquan, der Talentierteste war. Die Überlieferung verbreitete sich von da aus in Siming, wo Ye Jinquan Wu Kunshan, Zhou Yunquan, Dan Sinan, Chen Zhenshi und Sun Jicha unterrichtete. Wu Kunshan lehrte Li Tianmu und Xu Daiyue. Li Tianmu lehrte Yu Bozhong, Wu Qilang und Chen Maohong. Zhou Yunquan lehrte Lu Shaoqi. Chen Zhenshi lehrte Dong Fuyu und Xia Zhixi. Sun Jicha lehrte Chai Xuanming, Yao Shimen, den Mönchen Er und den Mönch Wei. Dan Sinans Schüler war Wang Zhengnan.

Nachdem er aus dem Militärdienst in Guanbai ausgeschieden war, unterrichtete Dan Sinan die Kampfkunst, behielt aber die tieferen Aspekte für sich. Während er selbst trainierte, verschloss er die Türen, damit seine Schüler ihn nicht sehen konnten. Aber Wang beobachtete ihn durch ein Loch im Boden im Stockwerk darüber und lernte das Wesentliche. Dan Sinan war niedergeschlagen, da seine Söhne nutzlos waren und er keine Erben für sein Teegeschäft hatte. Wang hörte davon und half ihm, mit einem Geschenk von silbernen Weinkelchen die besten Teesträucher der Gegend zu kaufen. Dan Sinan war davon so berührt, dass er Wang alles lehrte, was er zuvor niemandem beigebracht hatte.

Epitaph für Wang Zhengnan

Epitaph für Wang Zhengnan

Wang war ein vorsichtiger Mensch, sehr bedacht im Umgang mit dem, was er gelernt hatte. Er zeigte es nicht, nur wenn ein echter Notfall ihn dazu zwang. Eines Tages geschah es, dass er bei der Suche nach einem Spion von einigen Soldaten gefangen genommen und mit den Händen hinter dem Rücken an einen Pfahl gefesselt wurde. Während das Dutzend Soldaten bei ihrem Trinkgelage immer ausgelassener wurden, gelang es Wang mit einem Stück zerbrochenen Porzellans, seine Fesseln zu durchschneiden. Dann nahm er eine Silbermünze aus seiner Tasche, warf sie unter die Soldaten und floh, während sie sich um die Münze stritten. Sie versuchten ihn zu verfolgen, waren aber zu betrunken, um gerade stehen zu können und kippten um wie Dominosteine. Sie folgten ihm einige Kilometer und verliefen sich dann. Überzeugt, Wang sei ein Verräter, versuchten sie ihn zu umzingeln. Aber jeder Soldat, dem Wang begegnete, wurde verletzt.

Im letzten Jahr seines Lebens wanderte Wang alleine und traf zufällig auf eine Gruppe von sieben oder acht Soldaten, die ihn verpflichteten, ihre schwere Ausrüstung zu tragen. Wang flehte darum, von seiner Aufgabe erlöst zu werden, aber sie hörten nicht auf ihn. Wang trug die Last bis zu einer Brücke, wo er sie zur Seite warf. Die Soldaten griffen zu ihren Schwertern und wollten ihn bestrafen, aber mit bloßen Händen blockte er ihre Schläge und warf einen Soldaten samt Schwert scheppernd zu Boden. Er machte das Gleiche mit den anderen und nach dem letzten nahm er ihre Schwerter und versenkte sie in einem Brunnen. Als die Soldaten sie wieder hoch gezogen hatten, war Wang längst verschwunden.

Wann immer er gegen jemanden kämpfte, nutzte er die Akupunkte und zielte auf Stellen, die Tod, Bewusstlosigkeit oder Stummheit hervorrufen, wie sie auf der Bronze Statue der Akupunkturkarte verzeichnet sind. Es gab da einen beleidigenden, jungen Raufbold, den Wang einmal so schlug, dass er für einige Tage nicht urinieren konnte. Er musste an Wangs Tür klopfen und um Entschuldigung bitten, bevor er es wieder konnte. Ein Schäferjunge hatte heimlich seine Techniken abgeschaut und nutzte sie, um einen seiner jungen Freunde zu schlagen, der daraufhin starb. Wang prüfte die Sache und sagte: „Der Punkt, den du getroffen hast, verursacht nur Bewusstlosigkeit. Er wird bald aufwachen.“ Und tatsächlich war es auch so.

Epitaph für Wang Zhengnan

Epitaph für Wang Zhengnan

Wang war aufrichtig, erhob sich stets gegen Ungerechtigkeit statt nach Rache zu rufen. Dennoch bot ihm einmal ein Mann, der Wang lange gekannt hatte, Geld an, damit er seinen jüngeren Bruder rächt. Wang schnitt ihm das Wort ab: „Du verwechselst mich mit einem Tier!“

Genannt Laixian, war sein Nachname Wang und er wurde Zhengnan gerufen. Er zog aus der Provinz Fenghua in den Bezirk Yin. Der Name seines Großvaters war Zongzhou. Der Name seines Vaters war Zaiyuan. Der Name seiner Mutter war Chen. Die Familie lebte seit Generationen an der Wagenbrücke im Osten der Stadt, aber zog bei der Geburt von Zhengnan nach Tongao.

Als er jung war, war er Diener bei Lu Haidao, genannt Ruoteng. Um seine Begabungen auf die Probe zu stellen, gab Lu ihm eine Anstellung, und Wang musste die Aufgaben vieler Leute aus verschiedenen Stellungen gleichzeitig erfüllen. Weil Wang alle seine Aufgaben genau erfüllte, wurde ihm die Versorgung der Linshan Kaserne übertragen. Danach machte Qian Zhongjie, genannt Gongjian, ihn zum Kasernen Verwalter. Und weil er wiederholt für lobenswerten Dienst geehrt wurde, ernannte man ihn schließlich zum Stellvertretenden Lager Kommandanten.

Dann kam die Niederlage der Ming-Dynastie durch die Qing und es war, als wäre das chinesische Militär auf einer Insel gefangen. Es ging vor und zurück aber letztlich ging das Kriegsministerium in einer Katastrophe unter. Um seinen Patriotismus unter Beweis zu stellen beschloss Wang, solange kein Fleisch mehr zu essen, bis die Köpfe seiner Gegner nicht aufgespießt sein würden, und sei es bis an sein Lebensende, was seine Mitstreiter sehr beeindruckte. Er gab dann das Militärleben auf und ging Heim. Viele, die seine Fähigkeiten bewunderten, sorgten sich, dass er verarmen würde. Viele Kasernen Kommandanten boten ihm ihre Hilfe an, aber Wang kümmerte sich nicht darum. Er pflügte das Land und bestellte den Boden, als wüsste er nicht, dass er mit seinen besonderen Künsten nicht leichter an Essen käme.

Epitaph für Wang Zhengnan

Epitaph für Wang Zhengnan

Eines Tages traf Wang einen alten Freund, mit dem er als Kommandeur der Barracken zusammen gewohnt hatte. Der Kommandeur hatte gerade einen Ausbilder aus Songjiang angestellt, um die Truppen in Kampfkunst zu unterrichten. Der Ausbilder saß arrogant an einer Laute zupfend da und sah Wang, der nur einen Strohhut und grobe Kleidern trug an, als sei Wang gar nicht da. Der Freund sagte, dass Wang ein Experte auf dem Gebiet der Kampfkunst ist. Der Ausbilder sah Wang aus den Augenwinkeln schräg an und fragte: „Wie kann das sein?“ Wang bestritt auch freundlich, dass er ein Experte sei. Der Ausbilder reckte seinen Kopf, hob die Augenbrauen und sagte: „Kann ich dich ein wenig prüfen?“ Wang verneinte noch höflicher. Der Ausbilder warf ihm vor, ein Feigling zu sein und drängte ihn immer aggressiver in eine Ecke, bis Wang keine andere Wahl mehr hatte, als zu handeln. Nachdem er den Ausbilder niedergeworfen hatte, wollte der mehr. Also wurde er wieder geworfen und Blut floss nun über sein Gesicht. Er verneigte sich vor Wang und machte ihm Komplimente über seine hervorragenden Fähigkeiten.

Wang ging niemals zur Schule aber er konnte dennoch weltmännisch und herzlich mit Gelehrten sprechen, und sie sahen niemals auf ihn als einen rohen Bauern hinab. Er erinnert mich daran, wie mein jüngerer Bruder, Huimu, und ich Qian Muweng kennenlernten, der ebenfalls ein außergewöhnlicher Mensch ist, so wohlmeinend trotz seiner ärmlichen und anstrengenden Umstände. Wenn wir Qian sehen, dann mischt er sich unter uns wie ein Bruder, und es steckt Freude in dieser guten Tat.

Epitaph für Wang Zhengnan

Epitaph für Wang Zhengnan

Eines Tages ging ich mit Wang in den Tiantong Tempel zu dem muskulösen Mönch Shanyan. Vier oder fünf Leute konnten ihn nicht am Arm ziehen, aber ein leichter Druck von Wang ließ ihn vor Schmerzen zusammenbrechen. Wang sagte: „Die Leute heutzutage denken, die innere Schule sei nicht effektvoll genug, also fügen sie Sachen aus den äußeren Stilen hinzu. Wenn das so weitergeht, wird dieses Wissen verschwinden.“ Darum erlaubte er, dass die Geschichte dieser Kampfkunst aufgezeichnet wird.

Seit dem sind nun neun Jahre vergangen und Wang ist um seinen Sohn weinend gestorben. Gao Chensi trug diese Tatsachen aus seinem Leben zusammen und bat mich um eine Stehle zum Gedenken an Wang. Nachdem ich zugestimmt hatte, fühlte ich mich gezwungen, die Berichte dieses Mannes voranzustellen. Er wurde geboren am fünften Tag des dritten Monats 1617 und starb am neunten Tag des zweiten Monats 1669 im Alter von 53 Jahren. Der Mädchenname seiner Frau ist Sun. Er hatte zwei Söhne, der erste genannt Mengde, der einen Monat vor ihm starb, und der zweite genannt Zude. Wang liegt nun begraben am südlichen Ende von Tongao. Diese Worte sind auf seinem Grabstein graviert:

Er besaß großes Talent, doch zeigte es nie offen.
Er versuchte nie von seinem Talent zu profitieren.
Solch Integrität ist ein schmerzlicher Verlust für uns.
Zwischen diesen seichten Bächen und den uralten Hügeln,
wird es da jemanden zu diesem einsamen Grab ziehen?
Wer auch immer diese Inschrift liest,
sieht einen Mann der ein gutes Beispiel abgibt.