Das Qi und ich

Eines der ersten Dinge, mit denen ich beim Taiji Quan konfrontiert wurde und was mir einiges an Kopfzerbrechen bereitet hat, ist das Qi. Unser Lehrer sprach von „Qi im Dan Tien sammeln“, „das Qi kreisen lassen“. Sicher, das Wort hatte ich schon mal gehört. Irgendwie hatte ich auch eine Vorstellung davon, was damit gemeint sein könnte. Aber was es wirklich ist? Und wie bitte soll ich es sammeln? Und kreisen lassen?

In den ersten Stunden habe ich das Thema „Qi“ einfach mal ignoriert. Mir stellen sich grundsätzlich immer die Nackenhaare auf und auch die Zehennägel kräuseln sich, wenn mir jemand mit esoterischem Halbwissen (ganzes kann es per Definition gar nicht geben) daherkommt. Qi passte völlig in diese Kategorie. Energie, gar Lebensenergie, sollte es sein und alles belebte durchströmen und ihm erst zum Sein verhelfen habe ich mir sagen lassen. Oha! Und besser noch: Mit Qi kann man Wunder vollbringen, Superkräfte entwickeln, womöglich sogar schädliche Erdstrahlen erspüren. Sagt das Internet. Na dann mal Prost. Irgendwann hab ich mich aber mal ein kleines bisschen darauf eingelassen.
Aber wie konnte ich mich auf so ein hoch esoterisches Ding wie das Qi einlassen? Neugier und eine Portion Mut würde ich sagen. Den Mut, einfach mal die Aversion gegen alles „Spirituelle“ losulassen. Neugier darauf, Qi selbst zu spüren. Ich weiß immer noch nicht, was Qi wirklich ist. Aber ich weiß jetzt, dass da etwas ist. Was auch immer es ist.
Wenn ich jetzt zitiere statt zusammenzufassen wird es zwar etwas lang aber ich möchte Sun Wukong und Ismet so zu Wort kommen lassen (mit einigen Auslassungen), wie sie sich auf dem Wudang-Board auf mein Posting hin geäußert haben.

Ich trau mich jetzt einfach mal, eine Frage zu stellen, die mir gerade unter den Nägeln brennt, weil ich nach einer kleinen Trainingseinheit in den eigenen vier Wänden wieder darüber nachdenke. Kurz und knapp (die Frage, wahrscheinlich nicht die Antwort): Was ist Chi und wie kann ich es beim Tai Chi Chuan entwickeln/ spüren/ hervor locken?

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Alles, was ich bisher in dieser Richtung gespürt habe, ist eine angenehme Wärme beim Bauchreiben am Abschluss (die Wärme ist anders, als wenn ich einfach so den Bauch reibe). Und ich habe den Eindruck, beim Drehen des Balles nach der Hun Yuan Säule ihn (den Ball) wirklich physisch zwischen meinen Händen zu spüren. Aber das könnte auch einfach nur auf die etwas erschöpften/ überanstrengten Armmuskeln zurückzuführen sein. Sind das erste Anzeichen vom Chi? Bin ich auf dem richtigen Weg? Oder begebe ich mich da gerade auf einen lächerlichen Holzweg?

Es gab darauf eine interessante Anworte von einem User namens Sun Wukong:

Allgemein gesehen ist Chi/Qi die Energie, die zum Einen das Leben erhält und zum anderen die „Verbidnung der 10.000 Dinge “ aufrecht erhält. Wer wissenschaftlich-philosophische Analoge im westlichen Denken sucht ist hier vielelicht mit dem Prinzip der Quantenverschränkung und dem Spencerismus für Letzteres ganz gut bedient. Die Frage der Lebensenergie ist da schon etwas schwieriger.

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Es gibt wohl Menschen, die realtiv leicht ihr Chi/Qi spüren können und die bei Qi-Gong-, Taiji- und anderen Übungen – auch bei der Meditation – sofort etwas wahrnehmen, das im Körper im Fluss zu sein scheint oder ihn ausfüllt. Sie nehmen auch bestimmte Blockaden dieses Flusses wahr und schaffen es nach eingier Zeit, diese eigenständig aufzulösen. […]

Die Konzentration auf – vielleicht auch nur imaginäre – Leitbahnen im Körper lässt die eigene Aufmerksamkeit und damit auch größere Mengen von Blut nach einiger Zeit durch diese Körperbereiche fließen. HIerzu gibt es den Lehrsatz:
Das Blut folgt der Aufmerksamkeit und das Chi/Qi folgt dem Blut.

Erscheinungen, wie Du sie beschreibst könnte man auf eine bessere Chi/Qi-Wahrnehmung zurückführen – oder auch auf Einbildung. Das ist schwierig zu sagen. Aber am Anschluss der Übungen halte ich es gerade beim Bauchreiben eher für Ersteres. Besonders, da ich im Kindertraining immer wieder spontane Reaktionen von Kindern dazu bekomme (auch beim Qi-Ball), denen ich vorher keine Ideen in der Hinsicht in den Kopf gesetzt habe.

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Wichtig ist sicher, was unter anderem Bruce Kumar Frantzis immer wieder betont: Versuche nicht auf Teufel komm‘ raus etwaas zu spüren, weil Du meinst, das müsste jetzt so sein. Wenn Du etwas spürst, registriere es erst einmal und schau, was weiter geschieht. Wenn Du auf ein bestimtmes Gefühl wartest, dann kannst Du Dir auch leicht eine Wahrnehmung von etwas nicht Vorhandenem suggerieren. Und dann kann es auch leicht bei dieser Wahrnehmung bleiben. Wenn Du es registrieren kannst ohne e szu bewerten – und ohne Dich an das Erleben anzuklammern – besteht die Chance, dass sich die Sache weiter entwickelt.

Wie fühlt es sich an? Die von Dir beschriebenen Phänomene passen sicherlich mit hinein, aber ich kann Dir allzu Konkretes nicht sagen. Der Weg ist für jeden anders und so variiert auch die Wahrnehmung des Qi in diesen Bereichen. Manche Schulen machen klare Angaben, andere – wie die Longmen Pai – halten sich da zurück und empfehlen eher, die eigenen Wahrnehmungen nicht zu viel zu diskutieren um sie nicht durch Gehörtes und Erwartetes zu verfälschen.

Auch Ismet äußerte sich dazu:

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Du sprichst wichtige Punkte an, die wir alle Anfangs (damit meine ich mindestens die ersten 3 Jahre) durchleben. „Qi“! „Was ist es wirklich?“ und „Habe ich es gespürt, oder war es Einbildung??“

Die Antwort ist, dass es gar keine Rolle spielt.

WENN eine EINbildung etwas BEWIRKT, dann tut es doch genau das, was man vielleicht von diesem „Qi“ erwartet!

Denn WIRKUNG geht nicht ohne „Qi“. JEDWEDE Art von WIRKUNG hat einen Qi-Fluss inne! Ohne diesen Fluss kann man nicht von WIRKUNG (besonders auf materieller Ebene) reden!

Somit; dass Du eine bestimmte Art von Wärme spürst beim Massieren des Dan Tians… dass Du den „Ball“ tatsächlich zu halten „scheinst“… dass Du diese Zustände hast ist ein Indiz für WIRKUNG! Etwas WIRKT… nenn es Qi, oder nenn es „Einbildung“… in BEIDEN Fällen wärst Du nicht auf einem „Holzweg“

Denn „Einbildung“ ist auch lediglich eine „Bezeichnung“, nicht mehr…

Diese Bezeichnung könnte jede Beliebige sein… man könnte es QI nennen, man könnte es Einbildung nennen, man könnte es Mind-Power nennen, man könnte es Energie nennen, man könnte es Gedanken-Kraft nennen… …. wie man es auch nennen mag… so lange DU die WIRKUNG hast, passiert etwas… dieses Etwas muss auch nicht gravierend sein, es kann minimal sein… wenn es genügt, dass Du dadurch weiter kommst, und dafür sorgt Dein Trainer sicherlich, denn wir geben acht, dass unsere Trainer ihre Schüler WEITERbringen, sie nicht in 10 Richtungen gehen lassen, damit sie am Ende nicht eine leere Form sind, sondern eher EINE Sache richtig lehren.

[…]

Leider brachte mein folgendes Posting, eine Zusammenfassung für mich ein halbes Jahr nach Threaderöffnung, das Thema zum Erliegen. Schade.

Die Frage nach dem Qi hat sich für mich erledigt. Ja, tatsächlich. Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber, was das ist, wie es sich anfühlt und ob das da gerade eine Empfindung von Qi ist. Warum auch? Wen kümmert das denn? Was zählt, ist das Gefühl in mir. Was zählt, ist, dass da etwas passiert. Und wie ich diese Sensation (und es ist nicht nur eine Empfindung, es macht auch etwas mit mir) nenne, ist in meinen Augen unerheblich. Wichtig ist doch, das was da geschieht, zu kultivieren, zu fördern, zu fordern und weiterzuentwickeln.

Trotzdem streiche ich den Begriff Qi nicht aus meiner Sprachwelt. Denn genau da gehört er hin: In die Welt der Sprache. Qi ist nur ein Wort. Worte sind Zeichen und Hinweise auf Dinge (im weitesten Sinne) in der Welt. Diese von allen Sprechern (mehr oder weniger) gleich gebrauchten Zeichen ermöglichen erst die Kommunikation miteinander über die Dinge. Über Qi spreche ich aber nicht in diesem Sinne mit anderen („Oh, Dein Qi ist heute aber schön grün!“ o.ä.).
Wenn Qi kein Gegenstand der Alltagserfahrung ist, über den ich spreche, warum brauch ich dann überhaupt dieses Wort? Weil es ein wunderbares Hilfsmittel ist! Das Wort Qi ist ein Vehikel, dass das (echte) Qi antreibt. Wenn ich meine Qi Gong Übungen nur „abübe“, dem Bewegungsablauf folge und ruhig im Geist werde, dann ist das wunderbar. Wundervoll wird es aber, wenn das Qi mit ins Spiel kommt. Und dazu brauche ich das Wort als Vorstellung. Ich stelle mir vor, dass da etwas in mir ist, dass sich durch meinen Körper bewegt, das durch mich fließt. Und meine Atmung, meine Bewegung und meine Vorstellung treiben es an. Mit dem Einatmen sinkt es, verweilt und sammelt sich, steigt dann wieder langsam auf. Und dieses etwas, was da kreist, ist nicht Blut, ist nicht Luft, ist nicht Energie, ist nicht etwas, sondern es ist einfach. Und da ich mir etwas Namenloses, nicht Greifbares nur schwer vorstellen kann, gebe ich dem Ding einfach einen Namen: Qi.

Und schon hat das Wort Qi eine Bedeutung. Eine Bedeutung für mich. Ich habe es damit natürlich nicht definiert, mir und schon gar nicht jemand anderem erklärt. Aber ich kann damit etwas anfangen und muss nicht mehr bohren: Ist das Qi? Wenn sich das soundso anfühlt, habe ich dann Qi gespürt? Und wenn die Gedanken über Qi aufhören, kann ich ganz und gar und ohne Sorge dem folgen, was da in mir passiert. Und wenn ich weiter darauf lausche, dann sinke ich tiefer und tiefer und tiefer…

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