Das Geheimnis von Hun Yuan Zhuang

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Taiji Quan Stunde. Wir wurden direkt in das kalte Wasser geschmissen. Ohne Vorgeplänkel. Aufwärmen und dann Qi Gong. Unter anderem mit der Hun Yuan Säule. Ich habe nicht nur geschwitzt und gezittert, ich hätte am liebsten geschrien. Heute freue ich mich jedesmal wenn ich weiß: „Gleich kommt Hun Yuan Zhuang, da kann ich mich entspannen.“

Die Säule Hun Yuan, auch „einen Baum umarmen“ genannt, sieht im Prinzip ganz einfach aus. Man steht da so rum, etwa schulterbreit, die Knie leicht eingesunken. Natürlich ist der Rücken gerade, der Kopf nach oben gestreckt. Die Arme sind etwa auf Schulterhöhe und scheinen einen großen Ball vor der Brust zu umschließen. Das ist Hun Yuan. Unter anderem.

Nach wenigen Minuten, nein nach Sekunden, begannen meine Arme, die Schultern und irgendwann auch der ganze Körper zu schmerzen und zu zittern. Zumindest am Anfang. Heute ist Hun Yuan pure Entspannung. Klar, eine ganze Stunde stehe ich bis heute nicht so. Aber wenn ich in Form bin, sind fünfzehn Minuten kein Problem. Woher kommt das, dass das heute geht und ich das auch noch als Entspannung empfinde?

Hun Yuan Zhuang

Hun Yuan Zhuang (Thomas Apfel in Jiuzhaiguo), By Thomas Apfel (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Das Gefühl, dass diese Haltung entspannend sein könnte, stellte sich bei mir erst nach einigen Monaten ein. Am Anfang habe ich daran gezweifelt und besonders eine Stelle bei meinem linken Schulterblatt tat immer höllisch weh. Zu Anfang habe ich versucht, Hun Yuan zu trainieren und meine alten Hanteln ausgepackt. Das Hanteltraining hatte aber nur einen mäßigen Erfolg. Zwar hörte das Zittern und Schwitzen recht schnell auf aber der Schmerz in der Schulter blieb. Die ständigen Ermahnungen unseres Lehrers, sich zu entspannen und die Schulter nicht hochzuziehen klangen wie Hohn. Wie, bitte schön, soll ich mich da entspannen?

Natürlich brauche ich eine gewisse Muskelkraft, um die Arme oben halten zu können. Aber Kraft ist nicht das Geheimnis. Ich würde mich in der Disziplin Säulenstehen gerne mal mit einem Kraftmeier messen. Nicht, dass ich Mr. Zhan Zhuang wäre, aber knapp wird es bestimmt. Für den Kraftmeier . ;)

Zurück zum „wie geht das“: Durchhaltevermögen und Entspannung sind in meinen Augen die Schlüsselwörter. Mehr Geheimnis ist da nicht. Entspannung muss man einfach üben. Besonders in den Schultern. Und zur Entspannung des Körpers gehört für mich auch die Entspannung der Gedanken. Wahrscheinlich bedingt sich beides irgendwie. Lasse ich die Gedanken in der Säule ziehen und beachte sie gar nicht, dann denke ich auch nicht die ganze Zeit „Oh je, gleich tut der Rücken weh, gleichgleichgleich. Und die Armen, die ARME! Aua!“. Die Konzentration auf dem Atem hilft mir dabei. Geht der Atem ruhig, gehen die Gedanken ruhig. Gehen die Gedanken ruhig, geht auch der Körper ruhig.Durchhaltevermögen finde ich auch ganz wichtig.

Ich bin kein Mediziner, aber ich denke mal, dass bei der Säule im Grunde nicht viel passieren kann. Brechen und Zerren tut man sich nichts und Muskelkater und -verspannungen gehen auch wieder weg. Vorausgesetzt man hat keine Fehlstellung und macht das nicht exzessiv. Also habe ich so manches mal die Zähne zusammengebissen und den Schmerz ertragen. Und festgestellt, dass nach dem Schmerz Wärme und mit der Wärme Wohlbefinden kommt.Ohne Witz, man muss es sich nur trauen und entspannen. Auch wenn man gar nicht glauben will, dass das geht. Aber irgendwann, versprochen, liegen die Arme wie auf Watte und man hat das Gefühl, noch ewig so stehen zu können.

Heute höre ich Hun Yuan Zhuang nicht auf, weil ich nicht mehr kann, sondern weil ich nicht mehr will. Das ist das nächste Ziel: Nicht mehr nicht mehr wollen, sondern einfach weiter stehen.